Ein sichtbares Kennzeichen nimmt diesen Anonymitätsbonus und schafft genau den Entdeckungsdruck, der nötig ist, damit die StVO auf allen Verkehrsmitteln respektiert wird.
Wie mkossmann bereits geschrieben hat: Bei Autos und E-Scootern hat das Kennzeichen keinen Einfluss aufs Verhalten. Wieso sollte es bei Radfahrern anders sein?
Wer fordert, dass Autofahrer die StVO respektieren, muss denselben Maßstab an alle legen. Unrecht hebt sich nicht gegenseitig auf, und Anonymität schützt im Zweifel immer den Verursacher, nie das Opfer.
Ich habe nicht geschrieben, dass ich es gut finde, dass Radfahrer gegen Verkehrsregeln verstoßen und die schlimmsten Verkehrsteilnehmer seien (wie NET2012 behauptet hat), sondern wollte darlegen, dass Autofahrer dasselbe auch können.
Das Argument ist schlichtweg falsch: Kein Verkehrsteilnehmer agiert im luftleeren Raum. Wer die Vorfahrt missachtet oder über Rot fährt, gefährdet keineswegs nur sich selbst. Auf Gehwegen und in Fußgängerzonen sind Radfahrer die Stärkeren – ein Zusammenstoß mit einem schweren E-Bike endet für Kinder oder Senioren oft im Krankenhaus.
Zudem provozieren unachtsame Radfahrer gefährliche Kettenreaktionen. Wenn Autos oder Busse ausweichen müssen, führt das zu stürzenden Fahrgästen oder Frontalcrashs. Völlig ausgeblendet wird dabei die psychische Last für die Gegenseite: Ein Straßenbahn- oder Autofahrer, der einen Radler überfährt, trägt oft ein lebenslanges Trauma davon. Dass solche Unfälle regelmäßig ganze ÖPNV-Linien lahmlegen und Rettungskräfte binden, kommt noch dazu. Wer am Straßenverkehr teilnimmt, trägt immer auch Verantwortung für das Leben und die Psyche anderer.
Alles richtig, aber bei Radfahrern muss man teilweise schon um die Ecke denken, um zu überlegen, welche Folgen ein Unfall für Unbeteiligte hat.
Bei Autos hingegen ist es ziemlich eindeutig.
Wenn ein über Rot fahrender Radfahrer einen Fußgänger mitnimmt, gibt es meist nur einen blauen Fleck. Wenn hingegen ein Autofahrer einen Fußgänger mitnimmt, kann der Fußgänger froh sein, wenn er das Krankenhaus noch am selben Tag wieder verlassen kann.
Und die meisten Unfälle, die den ÖPNV behindern, werden wohl immer noch eindeutig von Autofahrern verursacht, die es hinbekommen, eine Straßenbahn zu „übersehen“.
Und wenn man in die polizeiliche Unfallstatistik schaut: Ja über 50% der Unfälle mit Radbeteiligung werden von einem Radfahrer verursacht.
Rund die Hälfte davon sind allerdings Alleinunfälle, also Unfälle die primär dadurch entstehen, dass unsere Straßen komplett fürs Auto ausgelegt sind und Radfahrer mal hierhin, mal dorthin geschoben werden.